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Samuel beim Dreiländergiro

Blitze und Donner. Feuer und Rauch.

Pünktlich um drei Uhr morgens fängt es an, das Gewitter. In dicken Tropfen klatscht der Regen unablässig auf mein Zeltdach. Begleitet von Blitz und Donner. »Na toll«, denke ich mir und will mich, nach einem kurzen Blick auf die Uhr, wieder umdrehen. Doch an Schlaf ist nun nicht mehr zu denken, zu präsent ist der Gedanke an das, was mir nun bevorsteht. Knapp sieben Stunden bei Regen quer durch die Berge zu fahren. »Na ja«, denke ich, »vielleicht haben wir ja Glück und der Regen lässt nochmal nach«. Doch das tat er nicht. 

Mühsam zwänge ich mich in meine klammen Radklamotten, esse einige Bissen Kuchen und mach mich dann auf zum 5 Kilometer entfernten Start. Bereits nach fünf Minuten bin ich Nass. Die Zeit bis zum Start stelle ich mich im Foyer eines Hotels unter, wenigstens ist es dort trocken und warm, nochmal schnell auf die Toilette, dann fällt der Startschuss. Zu den Klängen von AC/DCs »Thunderstruck«, geht’s ab auf die Strecke. Und der Donner kommt wirklich. Blitze zucken über den Himmel, gefolgt von ohrenbetäubenden Knallen. Die ersten knapp 10 Kilometer geht es bergan zum Reschenpass, ich überhole einige Fahrer und schnell wird mir wärmer. Doch leider nicht lange, denn es folgt die 20 Kilometer lange Abfahrt nach Prad. Die ersten Fahrer, die bereits umgedreht haben, kommen mir entgegen, und während ich mich die Abfahrt runter friere, spiele ich mit dem Gedanken ebenfalls umzudrehen. Bin ich wirklich so blöd bei Gewitter und diesen Temperaturen über die zweithöchste Passstraße Europas zu fahren? Anscheinend ja, denn die Kilometer ticken vorbei und schon bin ich im Anstieg.

Ist doch gar nicht so schlimm, denke ich mir. An den Regen habe ich mich bereits gewöhnt, und warm ist mir auch schnell wieder. Kehre um Kehre geht es bergan, die Höhenmeter fliegen nur so an mir vorbei. Bis zur Baumgrenze, da dreht der Wind und treibt mir eisige Regentropfen ins Gesicht. Noch sieben Kilometer bis zur Passhöhe, steht auf der Straße. Ich hebe den Kopf und sehe weit über mir die Straße, wie sie sich Kehre um Kehre dem Gipfel entgegen schlängelt, Mannomann ist das steil! Plötzlich ein Krachen, mein Hintermann schreit auf. Ein Steinschlag, der ihn knapp verfehlt hat. Adrenalin kocht in meinem Körper, schnell bringe ich einige Meter hinter mich. Die Zweifel an meinem Tun sind wieder da. Irgendwann sieht jede Kehre gleich aus, und Deja-Vu nach Deja-Vu, bin ich oben. 

Die Temperaturanzeige zeigt eine Null. Ich bin Nass bis auf die Knochen und ohne lange zu überlegen kaufe ich mir in einem Souvenirstand ein T-Shirt, zum Darunterziehen, damit ich wenigstens am Körper eine trockene Schicht habe. Zitternd ziehe ich mich um und begebe mich auf die Abfahrt. Nach zehn Minuten kann ich keine zehn Meter weit sehen, starker Nebel hat sich breitgemacht. Immer noch zitternd taste ich mich mit 20 km/h die Abfahrt runter, die Hände fest an den Bremsgriffen. Immer wieder muss ich schauen, ob meine Finger überhaupt noch an den Bremshebeln sind, denn Gefühle habe ich keine mehr in den Händen, und das trotz langer Handschuhe. Endlich unten! Die Bremsbeläge sind zur Hälfte weggebremst. 

Im Tal hat es etwas aufgeklart, die Sonne ist hinter den Wolken bereits zu erkennen. Raus aus dem Baumwoll-T-Shirt und rein in den Ofenpass. Das Gefühl in den Händen ist wieder da. Die Abfahrt vom Ofenpass ist trocken und ich lasse laufen. Bis ich zu übermütig werde, zu spät bremse und eine Kurve nicht mehr ganz erwische...und schon liege ich auf der Nase. Windjacke und Überschuhe sind ruiniert, doch dem Fahrrad ist nichts passiert, kurz in den Körper reinhören, »alles Okay« sagt der, und weiter geht´s. 50 Kilometer flach durchs Tal. Weit und breit kein anderer Fahrer. Dann eben alleine gegen den Wind. Nach 10 Kilometern fängt es wieder an zu regnen, aber das kennen wir ja schon. Ich vertreibe mir die Zeit mit Kilometer zählen und endlich stehe ich vor der letzten Steigung des Tages, der Norbertshöhe. Der Regen hat wieder aufgehört, und ich lasse meine restlichen Körner im Anstieg. Dann noch eine kleine Abfahrt runter nach Nauders, und ich bin nach 165,7 km mit 4.637 hm im Ziel. 7:29 Stunden reichen zu Platz 120 von ca. 500 Finishern. Trikot abholen, zurück zum Campingplatz und Duschen. Als ich aus der Dusche komme, strahlt die Sonne am Himmel.