Gießen oder Melle?

Jan, Karol, Samuel und Jasmin standen vor dieser Frage. Und wer hat die richtige Antwort gefunden? Jasmin. Frauen haben da scheinbar einfach den besseren Riecher.

Die kurze Strecke in Gießen ist schon jedes Jahr etwas Besonderes. Und irgendwie liegt unseren Jungs das Rennen nie. So hatten weder Jan noch Karol oder Samuel in der Elite irgendetwas mit dem Ausgang des Rennens zu tun. Superkurz und schnell und leider nicht als Kriterium gefahren, daher sind die Rennen auch leider immer alles andere als spannend. Besser lief’s in Melle. Jasmin konnte dort früh melden, daher war Gießen auch nie eine Option.

Melle und Kriterium, das war genau das Richtige für unsere schnelle Frau. Zum – ihrer Meinung nach – schönsten aller Rennformate lud die Radrenn-Gemeinschaft Osnabrück und dazu noch als reines Frauenrennen ausgeschrieben. Als erstes Rennen des Tages fanden sich 10 Fahrerinnen am Start ein. Jede 7. Runde von insgesamt 35 war eine Wertungsrunde. Permanent wurde von verschiedenen Fahrerinnen attackiert, aber das aufmerksame Feld ließ keine Ausreißerin zu. Wie immer dauerte es bei Jasmin, bis sie mit der Rennbelastung zurechtkam, aber bei den späteren Wertungen konnte sie dann einige Punkte ersprinten sich letztlich einen hervorragenden 3. Podiumsplatz sichern. Gratulation.

U17 im Racemodus

Von richtigem Renngeschehen sind wir alle noch weit entfernt, aber unsere zwei schnellsten in der U17 machten sich auf den Weg. Karol war in Brackwede auf 40 Kilometer Rundstrecke und Annika hatte sich gleich das ganz große Ding ausgesucht: BDR-Sichtungsrennen in Töttelstädt

Nach den wenigen Trainingsrennen am Mittwoch war es vielleicht etwas gewagt, Annika gleich in den Löwenkäfig zu werfen nach dem Motto: »50 Kilometer mit Deutschlands Besten, friss oder stirb.« Aber Trainer Roman war sich sicher, dass Annika ihre Stärken gerade bei einem solch langen Rennen bestens umsetzen werde können. Gute Theorie, aber Praxis ist eben etwas anderes. Kurz gesagt wurde es zu einem Einzelzeitfahren für Annika. Es war kein Kilometer gefahren, da machte sich Annika auf, eine bessere Position im Feld zu erarbeiten. Das aber hatten auch andere im Sinn. So kam es zu einer Kollision, Annika landete auf dem Teer und bis der neutrale Materialwagen alles wieder gerade gebogen hatte, waren alle anderen auf und davon. 

Was dann kam, war Kämpferherz pur. Annika fuhr über 40 Kilometer ein Einzelzeitfahren par excellence. Und das machte sie derartig gut, dass sie tatsächlich noch in die Wertung fuhr. Wir meinen: Keine Chance nach vorne und dennoch weder überrundet noch aus einem Zeitlimit herausgefallen – wer so kämpft, muss belohnt werden. Diese Belohnung kann sich Annika bei den Deutschen Meisterschaften im – richtig – Einzelzeitfahren in wenigen Tagen schnappen. Besser kann man sich darauf nämlich nicht vorbereiten. 

Karol dagegen hatte sich gegen das Sichtungsrennen und für Brackwede entschieden, eine sehr gute Wahl. Sein letztes Zeitfahren bei den »Hessischen« war nicht ganz nach Plan gelaufen, höchste Zeit also, sich mal wieder zu motivieren. Und was ist dafür besser als eine gute Platzierung? Über 20 Runden ein komplett sturzfreies Feld welches jede Attacke parierte und Karol, der sich aktiv zeigen konnte und das Feld in die letzte Runde führte. Im Endsprint dann ein hervorragender 4. Platz für ihn. Große Klasse, wir freuen uns für Karol. In einem solchen Jahr ohne wirklichen Rennrhythmus ist es wichtig, die Motivation hochzuhalten. Karol ist gerade einmal im ersten Jahr der U17, da kann in 2021 noch einiges kommen. Also immer mit der Ruhe. Und schon am kommenden Wochenende in Gießen kann er seine gute Form wieder auf die Straße bringen.

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Der Reinhardswald trotzt Corona

Was war das für eine RTF in diesem Jahr. Schon die Planung war ein einziges Hin-und-Her. Und das galt nicht nur für uns, sondern für alle Vereine in ganz Deutschland, die sich in diesem Jahr gewünscht hätten, dass ihre Veranstaltungen durchgezogen würden. Aber im Laufe des Frühjahrs/Sommer wurde eine nach der anderen RTF abgesagt  – von den Lizenzrennen ganz abgesehen. 

Wir von der Zweirad-Gemeinschaft hatten einen enormen Vorteil gegenüber anderen Vereinen, unsere RTF war ganz normal auf den 09.08. geplant. Dieser späte Termin entpuppte sich als kluge Entscheidung. So konnten wir warten und warten und warten und dabei die aktuellesten Entwicklungen in Sachen Pandemie und Hygienemaßnahmen im Blick behalten. Schließlich unsere Entscheidung: Wir machen das. Aber wir machen es anders.

Die Änderungen waren vielfältig. Neu für die RTF-Gemeinde: Es musste sich online angemeldet werden. Das verschaffte uns einen guten Überblick über die potenzielle Teilnehmerzahl und wir konnten so alle Daten aufnehmen, die wir für die Corona-Maßnahmen brauchten. Dann wurde der Computer bei der Anmeldung gestrichen und es wurde »händisch« gearbeitet mit mehreren Ausgabestellen. Damit konnten trotz und mit Abstand mehr FahrerInnen abgefertigt werden. Leider mussten wir auch beim Service Einschnitte machen und so gab es an den Kontrollstellen nur Wasser in Flaschen sowie Bananen. Von Grillen oder Kaffee-/Kuchen-Ausgabe mussten wir komplett Abstand nehmen. Umso schöner, dass unser RTF-Chef Udo im Ziel kostenfrei alkoholfreies Bier von Krombacher (danke für das Sponsoring) ausgeben.

Trotz der enormen Hitze an dem Tag gingen 155 SportlerInnen an den Start, die meisten auf den Strecken von 115 und 150 Kilometer. Daher machen wir uns auch Gedanken, die ganz kurze Runde im kommenden Jahr vielleicht sogar einzustampfen und dafür zusätzlich einer 200er-Runde anzubieten. Insgesamt haben wir bei den Strecken und den Ausschilderungen durch die Bank weg positives Feedback bekommen, allerdings gab es auch einen Sturz und wir werden in der Vorbereitung für 2021 noch mehr Wert auf Ausschilderungen von Gefahrenstellen legen. Auch kam unser Gesamtkonzept nahezu überall gut an, aber auch hier gab es – natürlich – Schwachstellen, die wir im kommenden Jahr beheben werden. Klar ist: Besser geht immer, sowohl für die Aktiven, als auch die Anrainer. 

Unser Fazit: Toll, dass Udo sich so viel Mühe mit der Planung gemacht hat und dass unser Chef-Organisator Rainer mit den vielen Helferinnen und Helfern diese RTF erst möglich gemacht hat. Danke an euch alle, ohne euch wären unsere Veranstaltungen überhaupt nicht möglich. Und danke an all die Fahrerinnen und Fahrer, nur für euch machen wir das. Und wir machen das einfach gerne. Danke fürs Kommen und Mitfahren. 

Schon jetzt im Kalender vermerken: RTF 2021 am 08.08.2021 am gleichen Ort!

Eine Wheel Diva in Polen

Ein UCI-Rennen war angesagt – endlich einmal wieder. Dieses Mal ging es nach Golub-Dobrzyn in Polen. Am Freitag habe ich morgens noch gearbeitet, bevor es mit dem Zug nach Berlin ging. Statt also einer kleinen Vorbelastung auf dem Rad, hieß es: Puls im Zug, weil auf die Deutsche Bahn mal wieder alles andere als Verlass war. Egal, Ruhe bewahren. Kaum in Berlin schließlich angekommen, ging es in den Bus und Abfahrt nach Polen, dort kamen wir dann spätabends an. Jetzt nur noch schnell etwas snacken und nichts wie ins Bett. 

Am nächsten Tag ging es für mich glücklicherweise erst um 14 Uhr mit dem Zeitfahren los. Daher konnte ich mich ein wenig ausschlafen und im Anschluss die Strecke abfahren. Mein Start dann um 15:06. Die Aufregung war groß, weil ich noch nie mit Aufliegern gefahren bin, aber die Strecke war super: leicht wellig, perfekter Asphalt und größtenteils durch den Wald, also schattig und nicht so viel Wind. Während in Deutschland über 30° waren, war die Temperatur in Polen bei angenehmen 25°C. Das Zeitfahren lief super, ich konnte die ganze Zeit in der Aeroposition verbringen, auch wenn die Wattwerte ein bisschen höher hätten sein können. Das reichte für Platz 26 mit etwa 4 Minuten Rückstand auf Marta Jaskulska von der polnischen Nationalmannschaft und 3:30 Minuten hinter der besten Deutschen, Corinna Lechner vom Profi-Team Stuttgart. 

Die nächste Nacht hatte es in sich, denn wir waren in einem Hochzeitshotel untergebracht. Leider aber wurde es alles andere als romantisch, das hatte sich bereits beim Frühstück angebahnt. Der morgens geschmückte Saal füllte sich zum Abend und dann wurde ausgiebig Hochzeit gefeiert – mit Live-Band. Die Hochzeitsgesellschaft war auch recht ausdauernd: Bis früh um 5 Uhr wurde wild gefeiert. Dementsprechend zerknautscht ging es dann auch an den Start des Straßenrennens. Die erste Runde war ziemlich hart für mich. Die dicken Beine von gestern, zu wenig geschlafen, nervöses Feld … Dinge, die ich so nicht brauchte. Aber es wurde von Runde zu Runde besser. Ich wusste, wo die Schlaglöcher und der Sand nicht waren und steuerte darum herum. Dazu kam ein sehr steiler Stich, der aber immer besser für mich zu fahren war. Nach Runde 4 verabschiedeten sich die Juniorinnen, wodurch das Gedränge auch weniger wurde. Die letzte Runde wurde dann auf Position gefahren. Da ich dieses Jahr noch nicht so viel im Feld gefahren bin und auch einige spektakuläre Stürze beobachten konnte, habe ich versucht, mich aus allen riskanten Aktionen rauszuhalten. Bin dann einfach im Feld ins Ziel gerollt. Das bedeutete am Ende den 23. Platz unter 46 Fahrerinnen, nichts zu klagen also und ein schöner, solider Platz im Mittelfeld. 

Danach gab es »Katzenwäsche« und für 5 Stunden wieder ab in den Bus nach Berlin. Dort – natürlich – den letzten Zug nach Kassel verpasst und so musste ich die Nacht noch in Berlin verbringen, bevor es dann Montagmorgen mit der Bahn nach Kassel und wieder zur Arbeit ging.

Jasmin

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Berg und Zeit

Unser erster ernsthafter Test für ein Bergzeitfahren am Dörnberg ist definitiv gelungen. Es war ja im Voraus schwierig zu planen und wir hatten uns auf eine Anmeldung “unter dem Radar” entschieden und wollten den Fokus auf den Radsportbezirk Kassel legen. Gleichzeitig konnten so die Bezirksmeisterschaften Berg in 2020 doch noch ermöglicht werden.

Die Strecke ging über 6.5 km und etwas mehr als 200 Höhenmeter von Ahnatal-Weimar in Richtung Fürstenwald und von dort hinauf zum Dörnberg. Oben angekommen noch ein Knick nach Links und dann bis zum Ende der Straße am Café Helfensteine.

Alle Starterinnen und Starter zeigten vollen Einsatz und fuhren prima Zeiten. Aus Sicht der ZG: André fuhr im Bezirk in 12:29:33 Minuten auf einen tollen 2. Platz bei den Elite Amateuren, Jasmin ballerte in extrem schnellen 13:47:05 den Berg hinauf und Moritz schoß den Vogel bei den Amateuren ab und holte sich in 12:37:98 den Sieg. Exzellent.

Der Nachwuchs: Auch hier passten die Zeiten definitiv. Gian-Luca fährt mit 14:35:17 auf Platz 2 in der U17m, Sophie fährt in der U17w eine richtig gute 20:32:87 und Jan in der U15 – ebenfalls 1a – eine 16:04:91. Habt ihr sehr, sehr gut gemacht.

Bei den Senioren 3 legte sich Tommy mächtig ins Zeug, hatte aber wohl ein kleines Navigationsproblem auf der Strecke, was ihm dann auch richtig Zeit kostete. Dennoch am Ende immerhin eine mehr als ordentliche 15:27:46. Prima.

Dessauer Zweierlei

Das Wetter versprach Gutes, der Wind stand günstig  – jetzt sollte es mal länger werden und das E-Bike richtig ausgefahren werden. Also schnappte sich Roman seinen Freund Jens und ab ging’s für 260 Kilometer und etwas mehr als 1.500 Höhenmeter von Kassel in die Bauhaus-Stadt Dessau. 

An den Start um 6:30 Uhr gingen ein voll aufgetanktes Synapse Neo im Gravel-Set-up und auf breiten WTB-Puschen und ein stahlneues SuperSix Evo mit Aero-Cockpit auf bildschönen TdF-Edition Carbon Cosmic Pros. Größer konnte der Unterschied in den Rädern wohl kaum sein – auch im Gewicht, satte 10 Kilogramm Differenz. Und ob der Akku das tatsächlich packte?

Die ersten Kilometer über den Umschwang, Witzenhausen und Eichenberg nach Heiligenstadt bei feinstem Tagesanbruch waren ein Fest. Wenig Verkehr und dazu der Leineradweg bis zu dessen Startpunkt in Leinefelde machten einfach Spaß. Und da in Beuern im Eichsfeld erst Akkusegment 1 von 5 zu Ende ging, war schon zu dem Zeitpunkt klar: Das Ding fahren die beiden locker zu Ende. Nächster Fixpunkt auf der Route: über Worbis nach Nordhausen.

Je weiter es nach Osten ging, umso stärker der Verkehr. Obwohl die beiden bis auf ganz wenige Kilometer die Bundesstraßen mieden, entpuppten sich manche Landstraßen geradezu als Quasi-Autobahnen; so breit wie selbige und mit Top-Speeds weit jenseits der 100 km/h von unseren Pkw-Freunden. Augen zu und durch also. Klarer Vorteil aber in dieser Gegend: immer flach weg und keine Not, den Akku zu strapazieren; mehr als 30 km/h standen stets auf der Uhr.  

Weiter lief’s von Sangerhausen zur Saale. Zuerst endlich mal wieder Abwechslung mit einem zarten Anstieg über 10 Kilometer und darauf folgende 3o Kilometer nach unten. In Rothenburg musste dann der Fährmann in Aktion treten. Kaum auf die Fähre gefahren, sprang das Diesel-Aggregat auch schon an und wenige Minuten später war das andere Ufer erreicht. Jetzt hieß es sehr schnell etwas zu trinken organisieren, denn Jens lief trocken. Um Kilometer 200 wurde dann entspannt auf dem Norma-Parkplatz dem Dehydrieren entgegengewirkt. Erstes kurzes Zwischenfazit: Jens`Bike surrte wie ein Kätzchen und trotz der Racegeometrie gab’s kein Zwicken oder Zwacken bei ihm. Und der Stromer? Erst bei Kilometer 170 verabschiedete sich der zweite Akkubalken, die Beine von Roman waren locker, die Lust aufs Radfahren immer noch riesig. 

Die letzten Kilometer bis Dessau hatten es dann in sich – so richtig. Weniger waren die Topologie zu anspruchsvoll oder die Ausdauer der Jungs zu schwach, es waren die brutalen Kopfsteinpflaster-Strecken. Volle Konzentration auf das Material. Während Roman jetzt den Motor massiv einsetzte, um den finsteren Schläge auf die Prothese etwas aus dem Weg zu gehen (Akkupower war ja noch in Hülle und Fülle vorhanden), schlich sich Jens um die Steine und Löcher irgendwie herum. Schließlich war Dessau nach knapp 10 Stunden Nettofahrzeit erreicht. Entspannte Beine, komplett entspannte Jungs und die Gewissheit, dass sicher noch locker weitere 100 Kilometer mit nur einer einzigen Akkuladung möglich gewesen wären. Langstrecke geht eben mit den unterschiedlichsten Bikes. Aber auch klar: So cool das SuperSix auch alle Schläge weggesteckt hatte, bei den mächtigen Pflastersteinen wäre ein Gravel komfortabler.